Zeit und Raum im Wochenbett

612 408 Das Kind schaukeln

Zeit und Raum im Wochenbett

Warum das Wochenbett etwas mit dem Bett zu tun hat und warum es sich lohnt, das Wochenbett bewusst zu gestalten.

Das Wort Wochenbett selbst sagt schon einiges über den Charakter dieser speziellen Zeit aus: Zeit=Wochen, meist ist von 6-8 Wochen oder auch 40 Tagen die Rede, Raum=Bett. Manche Hebammen empfehlen 2 Wochen im Bett, 2 Wochen auf dem Bett und 2 Wochen ums Bett herum/ in der Nähe des Bettes. Das klingt vielleicht erstmal befremdlich, lang und nicht mehr zeitgemäß. Es scheint als sei es uns in dieser eher schnelllebigen Zeit etwas abhandengekommen. Wenn man aber betrachtet, was in dieser Zeit alles geschieht und zu bewältigen ist, kann man erkennen, dass das alles nicht in 2 Wochen abzuhaken ist. Es ist eine Zeit des Übergangs für das Baby, die Mutter, den Vater, das Paar und die ganze Familie.

Die Mutter:

  • Körperliche Erholung von Schwangerschaft und Geburt, verheilen der Narben
  • Rückbildung von einem schwangeren Körper zu einem nicht schwangeren Körper, hormonelle Umstellung
  • Psychische Verarbeitung und großer Bandbreite von Emotionen Raum geben
  • Dinge, die in Schwangerschaft und Geburt nicht so gelaufen sind wie erhofft, betrauern
  • (Ggfs.) Milchbildung und Stillen etablieren

Der Vater:

  • Erleben der Schwangerschaft und Geburt psychisch verarbeiten
  • Fürsorge für seine Frau übernehmen
  • Organisation der Außenkontakte
  • Erledigung von Formalitäten

Beide:

  • Gemeinsam sowohl weiterhin ein Paar sein als auch in die Elternrolle hineinwachsen, die Mutter/Vaterrolle gestalten und leben wie es zu einem passt
  • Bindung aufbauen und vertiefen
  • Eigenen Themen, die durch Schwangerschaft und Geburt hochgekommen sind, Raum geben
  • Das eigene Baby, seine Signale und Bedürfnisse immer besser kennenlernen und verstehen
  • Neue Fertigkeiten in der Versorgung des Babys erlernen
  • An neuen Schlafrhythmus gewöhnen
  • Absprachen zu Aufgabenverteilung jetzt und später, wenn einer von beiden wieder arbeiten geht

Das Baby:

  • Die große Umstellung vom Leben im Mutterleib zum Leben außerhalb des Mutterleibes bewältigen
  • Sich auf etwas völlig Neues einlassen
  • Verlässlichkeit und Nähe durch die Eltern erleben
  • Sich ans Stillen/Trinken und Verdauen gewöhnen
  • Sich melden wenn es hungrig ist oder andere Bedürfnisse hat
  • Mit einer großen Zahl von neuen Sinneseindrücken klar kommen
  • Seine Temperatur selbst regeln
  • Psychische Verarbeitung der Geburt

Das Wochenbett ist eine großartige Gelegenheit sich Zeit und Ruhe zu nehmen für all diese Dinge, Zeit, sich als Familie zu finden und kennenzulernen. Die vielen neuen Sinneseindrücke für das Baby zu begrenzen. In diesem geschützten Raum ist Platz dafür, dass vieles von Anfang an nicht automatisch gut läuft. Sie können ausprobieren, was von all den Informationen aus Büchern, Vorträgen, Medien, Internet, Freunden und Familie für Sie passt und gut anfühlt oder wo Sie ganz eigene Wege gehen wollen. Das findet man nicht zwischen Frühstück mit den Freundinnen, Großelternbesuch und Stillgruppe an einem Tag heraus.

Sich Zeit nehmen ist heute fast ein Luxus geworden. Gönnen Sie sich und Ihrer Familie diesen Luxus beim Familienstart oder der Familienerweiterung.

Vorschläge für diese Zeit, von denen Sie sich natürlich das für Sie passende heraussuchen:

  • Da Sie durch den Trink- und Schlafrhythmus Ihres Babys nicht mehr so lange am Stück durchschlafen können, legen Sie auch tagsüber Schlafenszeiten ein, wenn Ihr Baby gerade schläft oder vom PartnerIn versorgt ist
  • Genießen Sie als Mutter und Vater möglichst viel direkten Hautkontakt mit Ihrem Baby, die Haut ist das größte Sinnesorgan des Menschen. Was als Känguruhen für die Frühchen in der Kinderklinik längst zum Standard gehört, ist auch für Babys und Eltern außerhalb der Klinik wohltuend und fördert die Bindung
  • Reden Sie als Eltern darüber, welche Werte bei Ihnen zu Hause in der eigenen Kindheit wichtig waren, was Sie davon übernehmen möchten und was Sie sich ganz anders vorstellen
  • Entwerfen Sie eine „Landkarte“ für Ihre „Reise“ als Familie
  • Nutzen Sie Hilfsangebote von Freunden und Familie für Kochen, Wäschewaschen… um Familienzeit für sich zu haben
  • Gehen Sie achtsam mit sich selbst und auch Ihrem Partner um
  • Reden Sie viel mit Ihrem Baby, erklären ihm die Welt
  • Grenzen Sie sich als Familie ab, gegenüber Erwartungshaltungen aus dem Umfeld
  • Umgeben Sie sich, soweit möglich, mit einer Auswahl von wenigen Menschen, die Ihnen gut tun

Ein paar Beispiele, wie postnatale Praktiken aus aller Welt die Zeit nach der Geburt anerkennen:

  • In Spanien erhalten alle Eltern 6 Monate bezahlten Urlaub im ersten Lebensjahr ihres Babys.
  • In Vietnam zogen (und ziehen oft immernoch) sich neue Mütter traditionell zurück zu ihren eigenen Müttern, um dort 3 Monate lang umsorgt zu werden.
  • Somalische Mütter zelebrieren eine “afantanbah” und werden 40 Tage lang betreut.
  • In Schweden erhalten neue Eltern 480 Tage lang bezahlten Urlaub, 60 davon müssen von Vätern genommen werden, sonst verfallen sie.
  • In Mexiko erhalten Mütter traditionell die “cuarentena” oder 40 Tage Pflege durch Familie und Freunde.
  • Kanadische Mütter erhalten 50 Wochen Mutterschaftsurlaub.
  • In China haben die Mütter das “zuo yue zhi” oder den sogenannten “Sitzenden Monat” – in dieser Zeit bleiben sie zuhause und werden betreut.
  • Auf Bali betreten neue Mütter die Küche erst wieder, wenn der Nabelschnurrest ihres Babys abgefallen ist.

Sich als Familie diese Zeit bewusst zu nehmen, legt ein gutes Fundament für einen gelingenden Familienstart.